Kingdom of Lesotho

Nochmals afrikanisches Afrika

Nach Hunderten von Kilometern Fahrt auf Topstrassen, entlang fast ebenso langer Zäune, packt uns die Lust nach Abwechslung. Was Levi (im Bauch) und ich schon vor sechs Jahren unternommen haben, wollen wir nochmals in umgekehrter Richtung und als Selbstfahrer erleben. Der Sani Pass ruft! Von ca. 1500 Metern über Meer führt zuerst eine mittlerweile geteerte Strasse durch die ruppig-wild anmutenden Drakensberge zum südafrikanischen Grenzposten. Das Bergtal wird enger, die Strasse schmäler und ruppiger. Nur 4x4-Fahrzeugen wird die Weiterfahrt gewährt. Nach vielen Kurven und unzähligen schönen Ausblicken erreichen wir die Passhöhe, die mit 2874 Meter über Meer leicht höher als "unsere" Konkordiahütte liegt. Wie in meiner Erinnerung weht auch diesmal ein kalter, unfreundlicher Wind. Die herzliche Begrüssung der dick verhüllten Grenzbeamtin und unsere von weit unten hervor gegrabenen Daunenjacken vermögen unsere Herzen rasch erwärmen. Welcome to Lesotho!

Unwirtliche Hochlandsteppen präsentieren sich vor unseren Augen, dem Reiseführer entnehmen wir, dass Lesothos Hochland an Tibet erinnere. Die von China erbaute neue Teerstrasse auf den ersten 30 Kilometern passen nicht ganz dazu. Die hoch zu Ross reitenden Einheimischen, eingehüllt in dunkle Wolldecken, die Kappen tief ins Gesicht gezogen, schon eher. Es sieht nach hartem, entbehrungsreichen Hirtenleben aus. 

Über mehrere bis 3200 Meter hohe Pässe gelangen wir zu unserer Unterkunft. Äusserst herzlich wird uns von der jungen Angestellten das kleine Gasthaus gezeigt und angesichts des nasskalten Wetters und dem liebevoll gepflegten Haus entscheiden wir uns zum ersten Mal nach bald zwei Monaten Dachzelt für ein Zimmer. Durch Regen und Wind steige ich nachmittags auf die umliegenden Berge, geniesse dabei das Alleinsein und das sichere Gefühl. Die sichtbaren Zäune, die Warnungen verschiedener weisser Südafrikaner vor all den schlechten schwarzen Mitlandesgenossen, und die vielen unsichtbaren Grenzen zwischen schwarz und weiss haben mir in Südafrika in den vergangenen Tagen zugesetzt. 

Die Besitzerin des Gasthauses, eine quirlige, moderne Mosotho voller kreativer Ideen hat der ca. 300 km entfernten Hauptstadt den Rücken zugekehrt, baut sich hier in den abgelegenen Bergen eine Existenz auf und bietet den vorwiegend selbstversorgenden Bergbauern eine Plattform, durch Aktivitäten im Tourismus einen Zustupf zu verdienen. Am Abend in der Küche diskutieren wir über vieles, die akademisch ausgebildete Frau zeigt Zusammenhänge auf. Sie lebt, was sie denkt. Agiert

Anderntags treibt uns der Regen weiter und weiter. Ins Landesinnere. Ein Pass nach dem anderen. Hin und wieder kommt uns ein Toyotaminibus entgegen, der, entgegen unserer Erwartung, sich ebenfalls tapfer und erfolgreich die verschlammte Naturstrasse hochkämpfen

kann. Die Hirten zu Pferd, mit ihren sicherlich schweren, vollgesogenen Wolldecken, haben, was die Mobilität auf nassen Pfaden angeht, eindeutig die besseren Karten.

Leider regnets und regnets, so dass sich die Schönheit der mit kargem Gras überwachsenen canyonartigen Landschaft, nur erahnen lässt. Beeindruckt sind wir allemal. Von den Naturwundern und den Bewohnern dieses besonderen Fleckens. Wir versuchen uns vorzustellen, wie die Menschen hier im Winter bei Schnee hausen, in ihren einfachen Rundhütten aus Stein, an den rauchigen Feuerstellen, mit einigen kratzenden Wolldecken um sich gewickelt. 

Irgendwie sind wir auch zurück im "richtigen" Afrika. Die Kinder rennen rufend und winkend zur Strasse, wenn sie uns Bleichgesichter im Auto entdecken, machen die hohle Hand und verlangen "Sweets". "How are you?", "yes" und "no", mehr verbale Verständigung liegt in diesem abgeschieden Teil Lesothos ohne touristische Attraktionen nicht drin. Scheint auch nicht nötig zu sein, sind doch die Weissen im Unterschied zur Anfahrt nach Lesotho nun wie vom Erdboden verschluckt. Einzig Spuren sind auszumachen. So zum Beispiel über vielleicht hundert Kilometer in jedem Dorf neben jedem Haus ein heiliges Örtchen. Wobei auch Mena irgendwann fand, dass das nicht Kirchlein sein können, auch wenn das Auge von weitem die Wellblechhüttchen mit den senkrecht hochgehenden Lüftungsrohren als das christliche Kreuz identifizieren will. Weiter machen wir nebst den traditionell gekleideten Hirten auch immer wieder Bauarbeiter mit Schafen aus. Manchmal in Vollmontur, manchmal nur mit dem orangenfarbenen Schutzhelm als Regenmütze. Dies und zahlreiche Spendertafeln zeugen von der regen Tätigkeiten aus Übersee und so werden wir Weisse, wie in den Ländern nördlich von Botswana, häufig erstmals als wandelnde Bank auf Knopfdruck "Dollar" angesehen. Nach dem Klären dieses ersten Missverständisses haben wir mehrheitlich mit freundlichen, interessierten Menschen zu tun.

Es wird ein regen- und kältebedingt kurzer Lesothoaufenthalt. Nach einer weiteren Nacht, diesmal im Dachzelt vor der geschlossenen Lodge eines Missionsspitals, wo ich beim Einschlafen in Gedanken bei der stöhnenden, werdenden Mutter und einer ruhig zusprechenden Frauenstimme bin und mich der immer stärker prasselnde Regen doch ins Traumland wiegt, bekommen wir an der Grenze den Ausreisestempel. Ein hochbewaffneter Polizist bewacht den Eingang ins Zollhaus, hinter dem Schalter erledigt ein Beamter seine Arbeit mit uns, daneben sitzen lässig vier weitere Uniformierte mit schwerem Geschütz. Nur ein lautstarker und handgreiflicher Streit in unserem Auto kann die Aufmerksamkeit der Ordnungshüter für kurze Zeit vom Fernseher weg ziehen. 

Auf der südafrikanischen Seite begrüssen uns drei Beamte, nehmen sich alle gleichzeitig unserem Einreiseanliegen an und binnen weniger Minuten sind die Formalitäten samt Kontrolle der Geburtsurkundenkopien erledigt. Der Schlagbaum hebt sich, Kies wird zu Teer und die Zäune beginnen links und rechts. 

Bye bye Lesotho!

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Kommentare: 2
  • #1

    Christoph und Sarah Sager (Samstag, 18 Februar 2017 04:28)

    Mit Spannung und Freude haben wir die vielfältigen Reiseerlebnisse gelesen. Die A-Post aus Sambia mit Menas symbolträchtiger Zeichnung aus dem Alltag (Danke! Verdient ein Hustenzü...) hat uns nach einmonatiger Reise erreicht und schönes Frühlingswetter gebracht. Geniesst vor der Rückreise noch erlebnisreiche Tage in Südafrika.
    Aus dem schönen Erlenbach Albi und Louise

  • #2

    Greders (Dienstag, 21 Februar 2017 03:57)

    Liebe Sagers
    Einfach wunderbar eure Geschichten zu lesen. Vielen Dank, durften wir daran teilhaben. Flurina und Corsin sind fasziniert von all den Bildern!
    Wir freuen uns, euch bald wieder zu treffen! Wünschen euch einen ganz guten Abschluss und eine gute Heimreise!
    Liebe Grüsse Corsin, Flurina, Christine und Stefan

    PS:Lesotho hatte ich kurz im Sept. 1989 besucht und auch wunderbare Erlebnisse in meinem Herz gespeichert!