Besuch bei einer "alten" Freundin

Kayole

Anschauen des Fotobüchleins aus der Schweiz im Schein der Taschenlampe
Anschauen des Fotobüchleins aus der Schweiz im Schein der Taschenlampe
Mein Besuch in Kayole, einem wenig prunkvollen Vorort Nairobis, unternahm ich alleine. Ich vermutete, dass das Wiedersehen mit Robinah, meiner behinderten Ex-Arbeitskollegin, mit diversen Strapazen verbunden sein könnte. 
Ohne Halskette, ohne Ehering, nur mit dem Nötigsten in einem unauffälligen Plastiksack an der Hand und nach eingehendem Einprägen des Riverroad-Kartenausschnitts, meinem Umsteigeort für den nächsten Kleinbus, machte ich mich auf den Weg. Die Riverroad und seine Umgebung ist berühmt-berüchtigt, es gibt viele Geschichten, die ihren Ursprung dort haben. Das Viertel hat Nairobi unter anderem zum Spitznamen Nairobbery verholfen. Es grenzt direkt an die moderne Innenstadt mit Hilton Hotel, renommierten Fastfood-Ketten und Banken. Im Unterschied zum international geprägten Central Business District, wie das Stadtzentrum auch heisst, gibts aber noch viel viel mehr Leben dort. Es wimmelt von Menschen. 

Die 45-minütige Wartezeit, bis der Kleinbus ganz gefüllt war, verbrachte ich mit Beobachten. Eine Frau mit Gepäck steht zwischen zwei Kleinbussen, der Werber des einen zieht an der Frau, der Werber des anderen zieht an ihrem Gepäck, sie schreit die beiden Männer an. Beide wollen sie in ihren jeweiligen Bus bewegen. Ururalte Landrover (bei uns als Oldtimer im Museum) und ihre Fahrer stehen bereit für jene, die schweres und viel Gepäck im Bus transportiert haben. Pack um Pack Windeln werden in meinen Bus verladen, kartonweise Waren, die im Stadtzentrum erworben, und dann an den kleinen Ständen ausserhalb weiter verkauft werden. Mit dröhnendem Discosound in einer Lautstärke, die den eigenen Ohren nicht mehr wohl bekommt, und röhrendem Motor wird die ganze Zeit um mehr Passagiere geworben. Polizisten auf der gegenüber liegenden Fahrbahn halten scheinbar völlig willkürlich Wagen an, gestikulieren wild mit ihrem Stock in der Welt herum und finden wohl jedes Mal irgendetwas auszusetzen, was eine Busse zur Folge hat und ihnen die mageren Beamtenlöhne etwas aufbessern kann. 

Wegen einem Gips am Bein wohnt meine ohnehin schon gehbehinderte Freundin zur Zeit nicht in ihrer Wellblechhütte, sondern bei ihrem Bruder in einer kleinen Wohnung. Das einzige Tageslicht fällt vom nach oben offenen Treppenhaus, um das sich viele Wohnungen auf einigen Stockwerken befinden, schummrig in Stube und Küche. Während meines Besuches sassen wir infolge Stromausfall die meisten Zeit in ziemlicher Dunkelheit, am helllichten Tag. Im Gespräch versuchte ich zu ergründen, was Robinah zum Umzug nach Nairobi, in slumähnliche Zustände, bewogen hat. Auf den ersten Blick erscheint mir ein Leben im fruchtbaren, grünen Kisiiland viel vorteilhafter. Es ist die Arbeit, die Hoffnung auf Arbeit, die Hoffnung auf mehr Möglichkeiten, welche wie ein Sog die verarmte Landbevölkerung in die Städte und insbesondere in die Hauptstadt zieht. Robinah schlängelt sich durch. Der Verkauf ihrer selbst gestrickten Pullis, ein Teil der obligatorischen Schuluniformen, bringt kaum noch etwas ein. In Massenproduktion angefertigte Pullover, womöglich aus China, können sich die Leute eher leisten. Für etwas Geld kann sie Kinder in ihrem Einzimmerzuhause unterrichten. Ihre neuste Idee: die in einem Kurs von einer Japanerin vermittelte Technik der Handtaschenanfertigung an Strassenkinder weiterzugeben. Die aufwändige Technik würde die Kinder für längere Zeit beschäftigen und dadurch von der Strasse fern halten, weniger Kinder würden durch die schlechte Kombination von Langeweile und Armut in die Kriminalität abrutschen. Noch fehlt der Absatzmarkt. 

Bewundernswert finde ich an dieser Frau, welch innere Zufriedenheit sie ausstrahlt. Sie wirkt glücklich mit ihrem Leben, versucht immer wieder etwas Neues und vermag ihr Umfeld zu motivieren. Trotz oder vielleicht gerade dank ihrer Behinderung bringt sie viel Zielstrebigkeit und Beharrlichkeit mit, kämpft und setzt sich für andere ein. 

Leider ging die Zeit sehr schnell vorbei und bald schon musste ich mich auf den Weg machen, damit ich vor Dunkelheit nach Hause kommen würde. Zweieinhalb Stunden sass ich für die 30 km im Bus, Feierabendverkehr in Nairobi. 

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